Handicap-Fußball 13. 03. 2021

Alles begann für die Friedberg Kicker 09 auf dem Bolzplatz

Alles begann mit Fußball auf dem Bolzplatz. Doch der war eher eine grüne Wiese vor der Einrichtung der Suhler Werkstätten gGmbH, eine von der Bundesagentur für Arbeit anerkannte Werkstatt für behinderte Menschen. Hier trafen sich nach Arbeits- oder Ausbildungsschluss acht, neun der mehr als 200 Beschäftigten zum gemeinschaftlichen Kicken. Bei ihnen spielte Enrico Kurz, sportbegeisterter Bildungsbegleiter im Bereich der Berufsbildung, auf dem Weg zu eigenen Auto für eine Viertelstunde mit.

Irgendwann hatte Kurz - der 48-Jährige ist gelernter Kfz-Schlosser, hat aber nach seinem Zivildienst noch ein Studium angeschlossen und ist jetzt Sonderpädagoge – die Idee, eine Mannschaft zu bilden. So passierte es und fortan traf man sich einmal pro Woche zum Fußballspielen. Nach einem halben Jahr waren Kurz und seine Mistreiter soweit, sich für die Landesmeisterschaft der Menschen mit Behinderung zu bewerben. Zwar war der Erfolg damals überschaubar, aber der Wunsch, sich ab 2011 an weiteren Turnieren zu beteiligen, nahm immer mehr Konturen an und wurde Realität.

Der Spaß am Fußball blieb erhalten und allmählich belegte man Plätze im Mittelfeld. „Wichtig war für mich, dass sich die Jungs bewegen. Gerade für Menschen mit psychischen Erkrankungen trägt der Sport zum Abbau von Aggressionen bei. Das spürte ich rasch, denn sie waren wesentlicher ausgeglichener“, erläutert Enrico Kurz. Er schlug auch den Namen „Friedberg Kicker 09“ in Anlehnung an die ersten Schritte des Teams vor.

Immer mehr rückte der Gedanke, sich einem Sportverein anzuschließen, in den Fokus. Und da kommt Jens Anschütz, Abteilungsleiter Fußball bei der WSG „Thüringer Wald“ Zella-Mehlis e.V., ins Spiel. Im August 2016 wurde die Mannschaft anlässlich der Sportplatzeinweihung zu einem Freundschaftsspiel gegen die Freizeitmannschaft eingeladen. Dazu Kurz: „Die anfängliche Angst vor Vorurteilen gegenüber unseren Sportlern mit Handicap wurde nicht bestätigt. Wir waren positiv überrascht, wie man uns aufgenommen hat, mit großer Freundlichkeit, Offenheit und vor allem mit viel Verständnis gegenüber Sportlern mit Behinderung. Das spornte uns an, den Kontakt noch intensiver auf und auszubauen!“

Es folgten im Frühjahr und Sommer 2017 Gespräche  zwischen Jens Anschütz sowie Sven Fries und Enrico Kurz. Anschütz (56), Angestellter der Stadt und Platzwart auf dem Kunstrasen, ist seit 38 Jahren ehrenamtlich im Fußball tätig. In seinem Verein hat er bis auf den Vorsitz schon alles gemacht. Derzeit ist er Nachwuchstrainer der B- und C-Junioren und arbeitet auch als Stützpunkttrainer in Zella-Mehlis/Schleusingen.

Ziel war, eine eigene Sparte zu gründen. Dazu noch einmal Enrico Kurz: „Wir waren uns einig, dass Menschen mit Behinderung damit die Möglichkeit eröffnet werden könnte, regelmäßig und entsprechend ihrer Fähigkeiten Fußball zu spielen, und zwar mit der langfristigen Zielsetzung, einen in Ligaform gestalteten regelmäßigen Spielbetrieb, für Fußballinteressierte mit Handicap einzuführen. Inklusion bedeutet für uns, die selbstbestimmte, gleichberechtigte und gleichwertige Teilnahme und Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderungen im und durch Sport zu ermöglichen.“

Im Juni 2019 erfolgte der Vereinsbeitritt zur WSG „Thüringer Wald“ Zella-Mehlis. Die Begeisterung für die Teilnahme am Training, das häufig auch gemeinsam mit den Mädchen erfolgt, sei bis heute ungebrochen, sagt Kurz. Dabei freut man sich über die hervorragenden Bedingungen bei der Nutzung des Kunstrasens mit Flutlicht und der Halle. Nicht zu vergessen sind gemeinsame Veranstaltungen im Verein wie ein Faschingsturnier oder auch Wild- und Spanferkelessen. „Es gab nie etwas Negatives und wir haben die Fußballer mit Behinderung nach besten Kräften unterstützt und integriert. Manche mussten aber auch begreifen, dass man von einer Minute auf die andere ein Mensch mit Behinderung werden kann“, sagt Anschütz.

Geplant war auch ein überregionales Turnier mit Werkstätten aus Bayern. Aber da machte die Pandemie dem Vorhaben einen dicken Strich durch die Rechung. Doch die Idee ist nicht begraben worden.

Eventuell stoßen demnächst auch noch Tischtennisspieler aus den Suhler Werkstätten zum Verein. „Die Zusammenarbeit mit Enrico Kurz und seiner Mannschaft ist eine Erfolgsgeschichte“, bringt der Abteilungsleiter Fußball die Zugehörigkeit der Friedberger Kicker 09 zur WSG „Thüringer Wald“ auf den Punkt. Grund genug, dass Enrico Kurz und Jens Anschütz darüber auf der zweitägigen virtuellen Jahrestagung der Inklusionsbeauftragten der Landesverbände berichten durften (siehe unsere Nachricht vom 11.03.21).

Im Jahr 2019 standen für die Fußballer mit Handicap drei Höhepunkte auf dem Programm: Der Senicup, ein Internationales Fußballturnier in (Polen), die Landesmeisterschaft in Thüringen, wo die WSG Friedberger Platz 5 belegte, und das Testspiel gegen die Landesauswahl Thüringen. Längst führt man Partien auf Großfeld mit 2x40 Minuten durch.

Bei einer Beobachtung anlässlich der TFV-Landesmeisterschaft 2015 in Hinternah wurden zwei Spieler gesichtet und zu einem Trainingslager nach Schlotheim eingeladen.

Zwar sei wegen Corona derzeit Fußball nicht möglich, aber er halte die Spieler zum Laufen an und motiviere sie, dass sie ihre Strecken per Handy an ihn melden können, erzählt der lizenzierte Enrico Kurz abschließend.

Hartmut Gerlach