Schiedsrichter 19. 10. 2023

Im Porträt Chris Rauschenberg: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Als Corona keinen Fußball zuließ, haben wir im Zeitraum vom 09.12.20 bis zum 17.02.21 24 Schiedsrichter der Landesliste des Thüringer Fußball-Verbandes (TFV) vorgestellt. Nun wollen wir uns den höherklassig pfeifenden Unparteiischen  zuwenden und versuchen, jeden, der es wünscht, bis zum Saisonende zu porträtieren:

Heute: Chris Rauschenberg (X)

Als Lehrer für Deutsch und Sozialkunde an einem Gymnasium in Weißenfels weiß Chris Rauschenberg natürlich, was es mit der Redewendung „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, auf sich hat. Für alle, die es nicht so genau einordnen können, hier eine Lösung: Es bedeutet zum Beispiel, dass ein Kind Eigenschaften und Verhaltensweisen von Eltern übernimmt.

Im Falle von Chris Rauschenberg trifft das im besonderen Maße auf das Ehrenamt im Schiedsrichterwesen zu. Denn sein Vater Holger, der wie der Sohn der SG Nessetal Wenigenlupnitz angehört, war selbst 30 Jahre Unparteiischer im Kreis und steht noch heute auf der Beobachterliste des Thüringer Fußball-Verbandes (TFV). Bei seinem Papa hat er zunächst an der Linie gestanden und selbst mit dessen Unterstützung auch Spiele geleitet. „Mit 13 Jahren hat Chris schon sein erstes Männerspiel gepfiffen“ erinnert sich Rauschenberg Senior. „Er hat mich inspiriert und geprägt“, denkt der heute 31-Jährige seinerseits in Dankbarkeit zurück.

Er habe alle Stationen vom Nachwuchs über die 2. Kreisklasse bis ins Land - da war er gerade einmal 17 - und dann die Thüringenliga, in der er nach nur einem Jahr 2014 in die Oberliga durchgestartet ist, durchlaufen. Jetzt hat Chris Rauschenberg schon die siebte Saison als Regionalligaschiedsrichter begonnen.

Dass er schon so weit gekommen ist, verdanke er auch Sandy Hoffmann vom TFV-Schiedsrichterausschuss und Helmut Bley, seinem jahrelangen Coach in der NOFV-Oberliga, der auch schon mehrmals mit jungen Schiedsrichtern bei gemeinsamen Lehrgängen mit Thüringer Talenten in der Landessportschule Bad Blankenburg zu Gast war.

Beide waren daran beteiligt, die Stärken des Unparteiischen Chris Rauschenberg weiter auszuprägen. Aber natürlich hat der Gymnasiallehrer auch selbst viel dazu getan, in der 4. deutschen Liga Spiele leiten zu dürfen. Was machen nun seine Vorzüge aus? Wie alle seine Vorgänger nennt er die selbst: „Meine Stärke ist in erster Linie die Kommunikation. Das kommt sicher auch etwas mit meinem Beruf zu tun. Ich will die Spieler mitnehmen und auch deutlich machen, dass wir ja eigentlich Mit -  und keine Gegenspieler sind. Wichtig sind für mich Transparenz und Gleichbehandlung. Die Akteure wollen eine klare Linie und dass alle Situationen ungefähr gleich behandelt werden. Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass man die Spieler abholen muss.“

Die sich fast logisch anschließende Frage nach der weitren Zukunft des Referees Rauschenberg beantwortet er so: „Ich war überrascht, dass ich Anfang der Saison in die 3. Liga als Assistent und 4. Offizieller, der in dieser Liga neu eingeführt wurde, zurückkehren konnte. Damit hatte ich nicht gerechnet und ich habe mich mit meinen 31 Jahren sehr gefreut.“

Schließlich sei die 3. Liga hochprofessionalisiert, fügt er hinzu. Es gebe zusätzliche Lehrgänge, Stützpunkte und Workshops. Er gehöre dem Team von Daniel Bartnitzki – ihn haben wir in unserer Reihe als ersten Schiedsrichter vorgestellt – und sei froh, dass er seinen guten Freund unterstützen könne. „Da bin ich sehr gut ausgelastet und es ist für mich, wenn man den Beruf dazu nimmt, mehr als ausreichend“, hat Rauschenberg eine klare Haltung zu möglichen weiteren Ambitionen in noch höheren Ligen.

Dabei mangelt es dem gebürtigen Eisenacher nicht an besonderen Erlebnissen in seiner Laufbahn. Rauschenberg nennt fünf Junioren-Länderspiele als Assistent bzw. 4. Offizieller oder auch solche Begegnungen wie die Halbfinals um die Deutsche Meisterschaft der U17 zwischen Bayern München und Schalke 04 oder RB Leipzig und Bayern. Gern erinnert er sich auch an Partien wie die zwischen Chemie Leipzig und dem BFC, die von Chemnitz gegen den BFC in der Regionalliga oder die als Assistent in der 3. Liga, wo Punktspiele in Braunschweig oder Kaiserslautern vor großer Kulisse stattfanden. Auch die Leitung des Endspiels im Thüringen Pokal 2020 zwischen dem FSV Martinroda und dem FC Carl Zeiss Jena (2:8) gehört dazu.

Seit dem 25. Lebensjahr unterrichtet Chris Rauschenberg an einem Gymnasium in Weißfels in den Fächern Deutsch und Sozialkunde. Natürlich weiß man an der Schule, dass der junge Kollege an den Wochenenden im Ehrenamt viel unterwegs ist. Es werde von der Schulleitung Rücksicht genommen, wenn Spiele im Ausnahmefall unter der Woche anstehen. Zwar muss er die Stunden dennoch halten, aber sie werden verlegt, sodass er seinem zeitaufwendigen Hobby nachgehen kann. Deshalb gibt es für ihn auch vorerst keinen Grund nach Thüringen zurück zu kommen. „Ich habe hier mein Referendariat gemacht und fühle mich, auch angesichts unserer Altersstruktur und den neuen Ideen sehr wohl“, sagt er. Dass er nun sogar schon Vorsitzender des Personalrates ist, ist sicher ein besonderer Vertrauensbeweis. „Ich habe schon einen starken Fan-Club an der Schule“, sagt er schmunzelnd. Seine Schüler, er ist Klassenleiter einer Zehnten, wüssten durch die mediale Präsenz der Regional – und der 3. Liga recht genau, wie er am Wochenende „über die Runden“ gekommen ist.

Natürlich bleibt für Chris Rauschenberg neben Beruf und Schiedsrichterei nicht so viel Zeit. Doch die nutzt er effektiv. Er spielt gern und regelmäßig Squash und Badminton, ist ein begeisterter Läufer und nutzt Erholungsquellen wie die Sauna oder eine Therme. Das mache Spaß, sei eine besondere Form der Regenation, halte den Kopf frei und tue auch der Kondition, die man als Schiedsrichter benötige, gut, erklärt er.

Mit der derzeitigen Schiedsrichterqualifikation hat Chris seinen Vater natürlich überholt. Aber er hat zwei Pokalfinals im damaligen Fußballkreis Eisenach geleitet und auch als Trainer bei der SG Nessetal Wenigenlupnitz Spuren hinterlassen. Und es gibt sicher nicht so viele Familien in Thüringen, wo die Redewendung vom Apfel und seinem Stamm zutrifft. Darauf kann Holger Rauschenberg zu Recht mit Stolz blicken.

Hartmut Gerlach